

Anna und Tom kommen Mitte der Nullerjahre nach Berlin. Sie suchen Freiheit und Selbstverwirklichung, finden aber eine Stadt, die sich in eine austauschbare Kulisse verwandelt. Der Roman von Vincenzo Latronico beschreibt den Verlust von Sinnzusammenhängen in einem urbanen Raum, der zur bloßen Oberfläche wird. Regisseurin Anta Recke und Architektin Marta Dyachenko setzen den Stoff im Prater in Szene. Der Spielort selbst dient als Metabühne, die zwischen Sanierung, Museumsstück und historischer Bedeutung changiert. Die Arena bricht mit der Logik kuratierter Bilder und zwingt das Publikum in den direkten Austausch mit dem Raum. Die Inszenierung stellt die Frage nach der Zugehörigkeit in einer Stadt, die ihre eigenen Spuren überschreibt. Wer ist in Berlin noch präsent und wer ist längst gegangen. Es ist eine Reflexion über die Anpassung an eine neue Gleichförmigkeit.
Für gefühlt ein Vierteljahrhundert war Berlin mit seinen scheinbar unerschöpflichen Ressourcen von Raum und Zeit eine Experimentierbühne für Lebensentwürfe von Menschen aus aller Welt. Großstädtische Freiräume, selbst Überbleibsel bewegter Geschichte, wurden als temporäre Galerien, Party-Locations und billiger Wohnraum entdeckt und verwandelten sich mit der Zeit in austauschbare Oberflächen und Spekulationsobjekte mit frisch gestrichenen Fassaden. Nicht nur leerstehende Immobilien, sondern auch ihre Bewohnerinnen und Besucherinnen, die brachliegende Gebäude für kurze Zeit mit ihrem kulturellen Kapital aufwerten durften.\nIm Mittelpunkt von Vincenzo Latronicos Roman Die Perfektionen, im letzten Jahr für den Booker Prize nominiert, stehen Anna und Tom. Sie sind Mitte der Nullerjahre aus dem Süden Europas hierhergekommen, um der Enge ihrer Heimat zu entfliehen. Angezogen von digital erzeugten Designs, die Selbstverwirklichung und eine idealisierte Form von Zeitgenossinnenschaft versprechen, müssen sie sich immer mehr damit arrangieren, dass sich solche Bilder genau dann auflösen, wenn sie beginnen, Wirklichkeit zu werden.\nDie Stadt wird zum Schauplatz von Einsamkeit und transzendentaler Obdachlosigkeit: Freiheit und Selbstverwirklichung scheinen jederzeit greifbar. Gleichzeitig ist den Akteurinnen jeder sinnstiftende Zusammenhang von Individuum, Welt und Geschichte abhandengekommen. In der Erlebniswelt von Anna und Tom verschwimmen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Genauso wie der „Osten“ und „Westen“ Berlins. Waren die Versprechen maßgeschneiderter Lebensentwürfe auf Individualität nur der Beginn der Anpassung an eine neue Gleichförmigkeit?\nDrei Jahre nach Anna und Tom zog im Jahr 2007 auch die in München geborene Regisseurin Anta Recke nach Berlin, um dort zu leben und ihren Schulabschluss zu machen. Heute zählt sie zu den markantesten Stimmen des deutschsprachigen Gegenwartstheaters, bekannt für eindringliche Bildwelten und kühne konzeptuelle Setzungen.\nFür ihre Inszenierung Perfection hat Recke gemeinsam mit der bildenden Künstlerin und Architektin Marta Dyachenko eine Arena entworfen, in der sich die Blickrichtungen aller Anwesenden frei bewegen können. Als Gegenentwurf zu sorgfältig kuratierten Instagram-Realitäten zeigt sich das Theater als ein Ort der Versammlung, an dem das Angeglotzte selbstverständlich zurückglotzt.\nDer Prater an der Kastanienallee selbst – mit seiner Geschichte als ehemaliges Volkstheater und als Gegenstand eines Immobilienstreits – wird zum eigenständig Bezüge schaffenden Metabühnenbild für die Inszenierung von Perfection. Zehn Jahre lang war der Prater renovierungsbedingt geschlossen. Nun ist er fix und fertig saniert, Rekonstruktion und Museumsstück einer untergegangenen Welt. Es ist 2026, die Volksbühne kehrt nun in das erinnerungsträchtige Gebäude zurück. Wer ist noch da? Wer längst gegangen? Wer wird kommen? Und bezogen auf Berlin und Deutschland insgesamt: Wer darf heute und in Zukunft noch kommen?
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