

Siegfried markiert den Wendepunkt in der Tetralogie. Im Zentrum steht die Entwicklung eines jungen Mannes, dessen Weltbild zunächst allein durch rohe Körperkraft und sinnliche Erfahrung geformt wird. Die Inszenierung in der Deutschen Oper Berlin verwebt Mythologie mit psychologischen Fragestellungen. Der Fokus liegt auf dem Aufeinandertreffen von unreflektierter Tatkraft und der Weisheit, die aus der Beobachtung des Lebens erwächst. Am Ende steht die Begegnung zweier gegensätzlicher Prinzipien. Das Stück lotet aus, ob die Vereinigung dieser Kräfte den Grundstein für eine neue menschliche Gesellschaft legen kann.
Zwei Wege, das Leben zu erfahren, beschreiben die beiden Mittelstücke der Tetralogie: Während sich der Reifeprozess Brünnhildes in der WALKÜRE über die Erfahrung von Leid und Mitgefühl hin zum bewussten Reflektieren des Menschseins vollzieht, wird der Weg Siegfrieds allein durch die sinnliche Erfahrung des Ich geprägt. Ist es zunächst nur die Erkundung der eigenen, schier grenzenlosen Körperkraft, die das Selbstbild des jungen Mannes formt, treten bald andere Sinneseindrücke und schließlich das Erlebnis der erwachenden Sexualität hinzu. Nicht nur Mann und Frau, sondern auch zwei Prinzipien stoßen im SIEGFRIED aufeinander: Auf der einen Seite die natürliche, durch keinerlei Zweifel getrübte Tatkraft Siegfrieds, auf der anderen die aus der teilnehmenden Beobachtung gewonnene Weisheit Brünnhildes. Und mit Vereinigung dieser beiden entgegengesetzten Kräfte im liebenden Paar scheint am Ende des Werkes für einen Moment die Grundlage für eine Neugründung der menschlichen Gesellschaft im Raum zu stehen.
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